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In diesem Forum soll es einerseits darum gehen, was die Kritische Psychologie den Praktikerinnen und Praktikern "zu bieten" hat. Zudem soll es aber auch ein Ort sein, an dem ein direkter Austausch ermöglicht werden soll. Dafür gibt es ein  "Verzeichnis" von in der Praxis Tätigen / Arbeitsgruppen. Nicht zuletzt ist die  Gesellschaft für subjektwissenschaftliche Forschung und Praxis (GSFP) ein Anlaufpunkt für entsprechende Fragen.




Praxisforschung

I.

a) Eine der Eigenarten des Fachs 'Psychologie' besteht darin, dass in akademischen Ansätzen wissenschaftliche Objektivität und menschliche Subjektivität als (letztlich) unvereinbar, als Gegensatz, gedacht (und methodisch dazu gemacht!) werden. Mag sich dies in der Grundlagenforschung noch methodisch durchsetzen lassen, ist in der psychologischen Praxis die Berücksichtigung menschlicher (Inter-) Subjektivität, damit auch von deren Weltverhältnis, aber unvermeidlich. Dieser Unterschied ist wesentlicher Aspekt des viel beklagten Theorie-Praxis-Bruchs in der Psychologie. Eine Praxisforschungsfrage ist daher: Wie soll oder kann die einzelne PraktikerIn mit dem Theorie-Praxis-Bruch umgehen, welche Erfahrungen macht sie, wie verarbeitet sie diese?

b) Wer sich etwas länger mit Therapie oder anderen Formen psychologischer Berufstätigkeit beschäftigt, wird außerdem feststellen, dass die Zahl der Ansätze oder Theorien, die für Praxis hilfreich zu sein beanspruchen, unübersehbar ist, wobei sich ihre Aussagen teils widersprechen, teils überschneiden. Damit stellt sich natürlich die Frage, wonach sich die PraktikerIn theoretisch richten soll, ob und wie sie sich ihre eigene Theorie schneidert und wie sie ihr Vorgehen gegenüber anderen Ansätzen / Vorgehensweisen begründet - etwa bei Fallkonferenzen. Es geht dabei um die Frage nach der Funktion von Theorien in der Praxis.

c) Manche Theorien und viele PsychologInnen haben den Anspruch, zur Verwirklichung des - von uns jedenfalls so gesehenen - humanen Anliegens der Psychologie, der Verminderung menschlicher Fremdbestimmung und damit verbundenen Leidens, beizutragen. Dabei stoßen sie aber auf materielle Restriktionen und institutionelle Beschränkungen, die dem ebenso entgegenstehen wie etwa Anforderungen von AuftraggeberInnen, PsychologInnen für ihre Versäumnisse einspringen zu lassen bzw. Widerstände zu brechen oder KlientInnen zu Dingen zu 'motivieren', die nicht mit deren Interessen übereinstimmen. Damit ergeben sich etwa folgende Fragen: Lassen sich derartige Widersprüche theoretisch fassen und praktisch bewegen? (Wie) tauchen sie im Denken und in den Erfahrungen der PraktikerInnen, in ihren 'Praxistheorien' auf? Wie kann die Analyse dieser Widersprüche für die Entwicklung der Praxis fruchtbar gemacht werden?

II.

Derartige Fragen und Probleme psychologischer Praxis empirisch zu untersuchen und die Möglichkeiten emanzipatorischer Praxis auszuloten, ist Aufgabe kritisch-psychologischer Praxisforschung, die sich methodisch in der Tradition der Handlungsforschung sieht, welche im Projekt 'Schülerladen Rote Freiheit' mit dem Beginn der Kritischen Psychologie verbunden ist (Autorenkollektiv am Psychologischen Institut der Freien Universität. 1971. Schülerladen Rote Freiheit. Analysen, Doku-mente, Protokolle. Fischer: Frankfurt/M.; vergriffen).

III.

Als spezieller Ansatz innerhalb der begrifflich entwickelten Psychologie entstand kritisch-psychologische Praxisforschung 1983 in Theorie-Praxis-Konferenzen (vgl.  Markard & Holzkamp 1989 [rtf-Datei, gezippt, 44k]) aus den Anforderungen von PraktikerInnen, die sich mit ihren Problemen auch in der Kritischen Psychologie unzureichend repräsentiert sahen. In diesem Zusammenhang entstand Klaus Holzkamps Aufsatz "‘Praxis‘ - Funktionskritik eines Begriffs" (1988), in dem wesentlich Fragestellungen und Probleme der Praxisforschung formuliert wurden.

Die Akzente, die die Gruppe um Ole Dreier setzt, werden in der Zeitschrift 'Outlines' repräsentiert (vgl. Editorial der ersten Ausgabe 1999).

IV.

Die Kritische Psychologie war von Anfang an, so Klaus Holzkamp ('Grundlegung der Psychologie', 1983, 25), "keine bloß 'einzelwissenschaftliche‘ Angelegenheit, sondern hatte eine politische Stoßrichtung gegen die Psychologie als Anpassungs- und Herrschaftswissenschaft" - mit folgendem für das Psychologiestudium wichtigen Ausgangsproblem: Kritische Psychologinnen / Psychologen sehen sich vor der "in der bürgerlichen Gesellschaft strukturell niemals endgültig lösbaren Aufgabe, eine radikal gesellschaftskritische Position mit einer berufsqualifizierenden Ausbildung im üblichen Sinne ... zu verbinden". Sie sehen sich mit den "Forderungen der Studenten konfrontiert, sie auf eine radikal demokratische, fortschrittliche, und dennoch unter den gegebenen kapitalistischen Bedingungen 'mögliche' (d.h. individuell existenzsichernde) Berufspraxis vorzubereiten" (ebd.). Diese spezielle Fragestellung ist Gegenstand studentischer Praxisforschung (vgl. Markard & ASB, 2000).

 

Literatur-Empfehlungen:

Dreier, O. 1999. Personal Trajectoriues of Participation across Contexts of Social Practice. Outlines, 1, 5-32
Fahl, R. & Markard, M. 1993. Das Projekt 'Analyse psychologischer Praxis' oder: Der Versuch der Verbindung von Praxisforschung und Psychologiekritik. Forum Kritische Psychologie 32, 4-35;
Englischsprachige Fassung: The Project 'Analysis of Psychological Practice' or: An Attempt at Connecting Psychology Critique and Practice Research. In: Outlines - Critical Social Studies, 1, 73-98
Holzkamp, K. 1988. Praxis: Funktionskritik eines Begriffs. In: Dehler, J. & Wetzel, K. (Hg.), Zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der Psychologie. Bericht von der 4. Internationalen Ferienuniversität Kritische Psychologie, 5. bis 10. Oktober 1987 in Fulda. Marburg: Verlag Arbeiterbewegung und Gesellschaftswissenschaft, 15-48
Markard, M. & Holzkamp, K. 1989. Praxisportrait. Ein Leitfaden für die Analyse psychologischer Berufstätigkeit. Forum Kritische Psychologie 23, 5-49   online verfügbar
Markard, M. & Ausbildungsprojekt Subjektwissenschaftliche Berufspraxis. 2000. Weder Mainstream noch Psychoboom. Kritische Psychologie und studentische Praxisforschung. Konzepte und Erfahrungen des Ausbildungsprojekts. 'Subjektwissenschaftliche Berufspraxis' an der Freien Universität Berlin. Hamburg: Argument
Ulmann, G. 1989. Gedanken beim Lesen von Praxisberichten. Menschen in Schubladen sperren zwecks Bearbeitung? Forum Kritische Psychologie 24, 111-132

 


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