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Forum Kritische Psychologie 54
"Diskurse um Pädophilie"
Editorial
Im Unterschied zu den Themenheften 33 und 37 des FKP (1994 u. 1997)
zu „Sexuellem Missbrauch“ bildet für das FKP 54 nicht eine hoch skandalisierte
Debatte mit medial vermarkteten Fällen wie der Dutroux-Affäre
den Hintergrund der Beschäftigung mit „Pädophilie“. Wie damals liegt
auch in diesem Heft der Schwerpunkt auf Diskursen. Diskurse um Pädophilie,
die in diesem Heft nicht sexualwissenschaftlich behandelt wird,
bieten in ihrer Ansiedlung zwischen Skandal und Tabu ein eigenartiges
Potenzial für Funktionalisierungen. Sie entfalten sich in einer Gemengelage
aus Hemmungen und Bedürfnissen, aus aktiver Gewaltausübung einzelner
und der Wirkung repressiver wie ideologischer Machtstrukturen,
aus Staatsaufsicht mit ihren Verboten und Kontrollen sowie Widerständen
gegen sexuelle Unterdrückung und Befreiungsversuchen aus Kontrolle
und Bevormundung.
Die Auseinandersetzungen um die einzelnen Beiträge des Heftes in der
Redaktion zeigen, dass in dieser Hinsicht keineswegs die kritische „Versprachlichung
einer Diskussionskultur“ (FKP 33, 5) erreicht wurde. Überhaupt
wirken die herrschenden Muster der ideologischen Moralform um
Scham, Schuld und Beklemmung, um Reinheit und Anständigkeit im personalisierenden
Opfer-Täter-Diskurs auch im Kontext kritischer Positionierung
fort. Was eingreifendes Denken besonders schwierig macht, differenziert
Stellung zu beziehen: „Die Hüter der Kontrolle des Begehrens
finden sich Seite an Seite mit den Verteidigerinnen von Selbstbestimmung
insbesondere von Frauen und Kindern“, erkannte Frigga Haug in FKP 37
(1994, 7). Das schließt die ideologische Hüterschaft des ‚richtigen Diskurses’
um die Darstellung von Verhältnissen, in denen sich Menschen,
besonders Kinder, unleugbar in elender Lebenslage befinden, ein.
Im vorliegenden Heft zeigt Erich Wulff in seinen „Überlegungssplittern
zum Thema Pädophilie“, wie fiktive Bedrohungsszenarien organisiert
werden und warum der „Pädophile“ als „Inkarnation des abwegig Bösen“
etabliert wurde. Er schlägt vor, solche „Pädophilien“ als Sexualform
anzuerkennen, die keine Bedrohung des menschlichen Zusammenlebens
und von Kindern darstellen, und die Strafmaße von der Diabolisierung
zu entkoppeln sowie mit der realen Gefährdung der Opfer in Einklang zu
bringen. – Das komplizierte, die kritische Aufarbeitung von Diskursen der
Sexualmoral erschwerende Spannungsfeld von gesellschaftlicher Tabuisierung
und der Gewaltförmigkeit von Sexualität zwischen Erwachsenen
und Kindern wird mit dem Einspruch Michael Zanders deutlich. Neben
der Art der Argumentation kritisiert Zander Wulffs Forderung nach einer
partiellen Entkriminalisierung „gewaltfreier pädophiler Akte“ und stellt
die Frage nach einer „tabulosen Sexualität auch im Umgang mit Kindern“
als Illusion Erwachsener dar.
In FKP 33 (1994) wurde im Editorial festgestellt, dass die „Dilemmata
psychologischer Gutachtertätigkeit bei Missbrauchsverdacht […], insbesondere
aber die gesellschaftlichen und subjektiven Implikationen der
Diffusität und Globalisierung der Verdächtigung von Männern als potenziellen
Missbrauchern“, im FKP zu thematisieren seien. Hartmut Böhm,
selbst Gutachter in Gerichtsprozessen um Tatvorwürfe sexuellen Missbrauchs,
kommt diesem Aufruf nach. Er untersucht Gründe, weshalb es
während der Konjunktur der Missbrauchs-Debatte Mitte der 1990er Jahre
zu Konflikten um die Gutachtertätigkeit kam, und ruft für diese unhintergehbare
Kriterien in Erinnerung.
Diederik F. Janssen untersucht „Die Medikalisierung von Meinungen“,
die er in Artikeln über und diagnostischen Instrumenten zur Kennzeichnung
von Menschen vorfindet, die Sexualstraftaten gegen Kinder begehen.
Er identifiziert die Redeweise von „gestörtem“ bzw. „verzerrtem
Denken“ als Element des klinischen gesunden Menschenverstandes, die
das Denken über sexuellen Kindesmissbrauch eher in moralischen Dilemmata
erstarren lasse als diesen begreifbar zu machen. – Aus kindheitspsychologischer
Sicht greift Susanne Achterberg die Rede von Pädophilie
auf. Sie stellt nicht nur den Ausschluss von Kindern von gesellschaftlichen
Rechten und Handlungsmöglichkeiten, sondern auch deren Passivierung
im Bereich des Sexuellen in Frage. Achterberg zeigt, dass Kinder
als „kompetente Akteure“ verstanden werden müssen, die sich aus
ihrer eigenen Perspektive zu den herrschenden Sexualformen verhalten.
Sowohl Kinderschutz als auch eine sich aufklärerisch gebende ‚pädophile
Enttabuisierung‘ sexuellen Verkehrs zwischen Kindern und Erwachsenen
würden kindliches Leben gerade nicht subjektiv fassen, sondern die Kinderperspektive
ausschließen.
Außerhalb des Heftschwerpunkts liegen die Beiträge von Athanasios
Marvakis und Kurt Bader. Marvakis stellt begriffsanalytisch die dem Integrationsbegriff
inhärenten und mit ihm zugleich verschleierten Machtverhältnisse
dar. Am Beispiel der Praxisforschung in einer Einrichtung
zur Pflege und Unterstützung geistig behinderter Menschen geht Bader
auf Schwierigkeiten ein, einen Forschungsprozess zu gestalten, der die
Menschen in der Institution als Mitforscher einbezieht.
Zu guter Letzt werden in einem Werkstattpapier des Psychologiestudenten
Marcel Thiel und in zwei Anzeigen studentische Arbeitsgemeinschaften
zur Kritischen Psychologie vorgestellt. Thiel untersucht als Mitinitiator
eines autonomen Seminars an der Universität Trier Probleme
selbstbestimmten Lernens und der Aneignung Kritischer Psychologie unter
den Bedingungen neoliberaler Hochschulreform.
In diesem Zuge sei auf den Call for Papers für das FKP 55 verwiesen,
in dem die 2009 von Morus Markard erschienene Einführung in die Kritische
Psychologie zur Grundlage genommen werden soll für die Frage
„Wie einführen in Kritische Psychologie?“ Es sollen „Grundlagen, Entwicklung,
Probleme und Aufgaben der Kritischen Psychologie“ diskutiert
werden.
Außerdem ist auf die Fortsetzung der Tradition kritisch-psychologischer
Ferienuniversitäten aufmerksam zu machen. Vom 24. bis 28. August
2010 werden an der Freien Universität Berlin unterm Titel „Kritik. Macht.
Handlungsfähigkeit“ Grundlagen der Kritischen Psychologie überprüft
und Aktualisierungen vorgenommen (http://ferienuni.mixxt.de/).
Red.
Zu den Downloads:
Inhaltsverzeichnis im pdf-Format
Editorial im pdf-Format
Abstracts im pdf-Format
Call for papers im pdf-Format
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