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Forum Kritische Psychologie 41

Selbsterfahrung, Praxiserfahrung, Abschiebepraxis

 

Selbsterfahrung, Praxiserfahrung, Abschiebepraxi

Morus Markard

Selbsterfahrung, Selbstreflexion und Selbstbeobachtung als Aspekte des subjektiven Weltzugangs in der Kritischen Psychologie

 Abstract

Wiebke Würflinger

"Heute kommt es nicht darauf an, was man tut, sondern wie man sich dabei fühlt" Selbsterfahrungskonflikte in der Ausbildung zur Telefonberatung

 Abstract

Elke van Ahrens

Sentio ergo sum? Funktionen von Selbsterfahrungskonzepten am Beispiel einer selbst-erfahrenen Körpertherapieausbildung

 Abstract

Jochen Kalpein

"Selbsterfahrung" in der Therapieausbildung: Fluchtpunkt Unmittelbarkeit?

 Abstract

Gerlinde Aumann

Funktionen biographischer Deutungen von Konfliktsituationen in der psychosozialen Praxis

 Abstract

Thilo Busse

Mathematik ist eine süße Frucht

 Abstract

Kathrin Schöffel

Widerständiges Lernen im Schriftspracherwerb. Darstellung und Reflexion einer problematischen Förderung vor dem Hintergrund des subjektwissenschaftlichen Lernkonzeptes

 Abstract

Petra Wagner

"Verdeckte Verhältnisse". Überlegungen zur Seminarpraxis in der Universität

 Abstract

Anja Brunkhorst

Lehren lernen in der Universität

 Abstract

Sabine von Lühe

Begegnung mit deutscher Geschichte in der Gegenwart. Protokoll einer Abschiebung

 Abstract

Astrid Albrecht-Heide

Unterhalb der Wahrnehmungsebene. Oder: Der Verlust des Mitgefühls

 Abstract

 

 

Abstracts

 

Elke van Ahrens: Sentio ergo sum? Funktionen von Selbsterfahrungskonzepten am Beispiel einer selbst erfahrenen Körpertherapieausbildung

Anliegen des Artikels ist die Darstellung möglicher Funktionen von Selbsterfahrungskonzepten im Rahmen einer von der Autorin absolvierten Körpertherapieausbildung. Dabei werden Theoriebezüge der Ausbildung skizziert, um vor diesem Hintergrund zentrale Konzepte der Ausbildung als erfahrungsstrukturierend und in ihrer Funktionalität zu ermitteln.

Elke van Ahrens: Sentio ergo sum? Functions of self-experience concepts on the basis of a training in body therapy

In this article, the author reflects on being trained in self-experience as part of her body therapy training. She outlines the theoretical references of this training, illustrates how its central notions structure experience and discusses on this basis their social function.


 

Astrid Albrecht-Heide: Unterhalb der Wahrnehmungsebene - Oder: Der Verlust des Mitgefühls

In diesem Text geht es um das Ineinandergreifen von gesellschaftlichen und individuellen Dimensionen und Mechanismen, die es ermöglichen, dass Menschen, die abgeschoben werden, unterhalb der Wahrnehmungsebene der hegemonial Handelnden bleiben. Ebenso wird die doppelte Verstrickung von UnterstützerInnen in die Dominanzkultur einerseits und die Entmächtigung in der Berührung mit den Ausgegrenzten andererseits thematisiert.

Astrid Albrecht-Heide: Below the level of perception - Or: the loss of compassion

This article is an attempt to analyse the way in which individual and societal dimensions and mechanisms intertwine so that persons who are to be deported disappear below the level of awareness of those acting from hegemonic position. At the same time, this analysis examines the complex involvement of helpers of persons to be deported since they find themselves as a part of the dominant culture and simultaneously experience disempowerment in the concrete context of those marginalised and deported.


 

Gerlinde Aumann: Funktionen biographischer Deutungen von Konfliktsituationen in der psychosozialen Praxis

Ausgehend von durch PraktikerInnen oder PraktikantInnen geschilderten Problemsituationen, bei denen biographische Deutungen eine Rolle spielten, werden Fallstricke dieser Herangehensweise und strukturelle Aspekte der jeweiligen Praxiszusammenhänge aufgezeigt, die sowohl den MitarbeiterInnen als auch den KlientInnen entsprechende Deutungen nahe legen. Vor diesem Hintergrund werden unter Bezug auf Holzkamp analytische Überlegungen zu Frage des Verhältnisses der Rezeption aktueller und vergangener Erfahrungen entwickelt und das Verhältnis zwischen beiden reflektiert. Da im Rekurs auf die Kindheit häufig auf die Psychoanalyse Bezug genommen wird, werden anschließend Arbeitshypothesen zur Frage des Verhältnisses aktueller und vergangener (Gewalt)erfahrungen in Auseinandersetzung mit dem Freudschen Konzept der Abwehr- und Aktualneurosen zur Diskussion gestellt.

Gerlinde Aumann: The function of biographic interpretations of conflict situations in psychosocial practice

Using reports of social practitioners on their own work, the author points to the widespread tendency to discuss problems in the light of early childhood experiences. She exposes the various traps of such a recourse and hints at structural aspects of social practice which make such explanations appear a matter of course. In a next step, she reviews how Holzkamp perceived the relation between the perception of present and past experiences. Since the recourse to early childhood as a source of actual problems is often substantiated with reference to psychoanalysis, the author additionally scrutinises the relation between past and present experiences as it is depicted in Freud īs concepts of defence neuropsychoses and "actual" neuropsychoses.


 

Anja Brunkhorst: Lehren Lernen in der Universität.

Die Autorin diskutiert aus der Sicht einer Pädagogik-Studentin die Schwierigkeiten, "partizipatives Lernen" (Jean Lave) unter Bewertungsbedingungen zu realisieren, die auch das universitäre Lehren und Lernen bestimmen. Die notwendige Voraussetzung partizipativen Lernens, das gemeinsame Interesse am Lerngegenstand, fehlt, wie sie aufweist, unter diesen Bedingungen. Die studentischen Referate beschränken sich auf die Wiedergabe der Inhalte, und selbst da, wo die Diskussion ihrer gesellschaftlichen/persönlichen Bedeutung möglich oder gar verlangt ist, wird dies offensichtlich spätestens dann als Bedrohung gesehen und abgewehrt, wenn damit die eigene Lern- oder Lebenshaltung, die unmittelbare Ausrichtung auf die Bewältigung der Anforderungen, problematisiert wird.

Anja Brunkhorst: Learning to teach at University

The author discusses - from the perspective of a student in elementary school pedagogics - the obstacles to "parcipatory learning" (Jean Lave) under the evaluative conditions of university. She points out how a joint interest in the object of learning as a precondition of a participatory learning process is fundamentally hampered by such evaluative pressure. Consequently, students papers are mainly restricted to the reproduction of a texts content. Any discussion of its societal/personal importance will be rejected when seen as to threaten the own defensive attitudes towards learning and life characterised by being limited to coming to terms with external demands.


 

Thilo Busse: Mathematik ist eine süße Frucht

Der Text setzt sich mit den Möglichkeiten mathematischen Lernens auseinander, wenn dieses in den Kontext einer Praxis des Mathematik Betreibens gestellt wird. Indem im schulischen Mathematikunterricht so eine zentrale These die Mathematik vornehmlich als eine Sammlung von Regeln dargestellt und damit lediglich reproduziert wird, stellt sie sich für viele Schüler als undurchschaubare Formsache dar, der man sich mehr oder weniger verweigert oder der man sich blind anzupassen versucht. An exemplarischen Beispielen aus einer Arbeit an der UCI Farm Elementary School in Irvine, Kalifornien, zeigt der Autor, wie Kinder im Grundschulalter einen eigenen Zugang zur Mathematik entwickeln können. Der Beitrag wirft damit die Frage nach der Besonderheit von Handlungsproblematiken beim Mathematik Betreiben im schulischen Rahmen auf.

Thilo Busse: Mathematics is a sweet fruit

The author considers how mathematics can be learned within the practical context of doing mathematics at school. It is argued that lessons at school present maths primarily as a set of rules and thus for many students mathematics appears to be an opaque formal system which they can only reject or blindly accept. Drawing on concrete examples from his work at the UCI Elementary Farmschool at Irvine, California, the author shows how elementary students can find their own way to access mathematics. The paper raises specific questions relating to the practical problems of students doing mathematics in a school setting.


 

Jochen Kalpein: "Selbsterfahrung" in der Therapieausbildung: Fluchtpunkt Unmittelbarkeit?

Es werden die unterschiedlichen Begründungen für therapeutische Konzeptionen ausbildungsbezogener Selbsterfahrung in der Freudschen Psychoanalyse und der aktuellen Verhaltenstherapie dargestellt. Nach einer Skizze psychoanalytischer Problematisierungen der institutionalisierten Lehranalyse wird der Bedeutungswandel von Selbsterfahrung in der Verhaltenstherapie nachgezeichnet. Vormals verschwindendes Moment, wurde über die Herausarbeitung "zentraler Wirkprinzipien" versucht, dem Selbtserfahrungsbegriff in der Verhaltenstherapie ein wissenschaftliches Fundament zu geben. Methodologisch kann dieses als vorgeordnetes Kriterium für die dargestellte Konzipierung und Evaluation des Bausteins Selbsterfahrung in der Verhaltenstherapieausbildung verstanden werden. Abschließend wird am Beispiel einer Ausbildungsinstitution die Funktion verordneter Selbsterfahrung diskutiert.

Jochen Kalpein: "Self-experience" in therapy training: Immediacy as its own vanishing point?

The author discusses different concepts relating to self-experience as a constituent part of therapeutic training. Following a brief outline of the psychoanalytical discussion of the problems inherent in the institutionalisation of psychoanalytical self-analysis, the paper concentrates on the change of meaning of self-experience within behavioural therapy. While self-experience used to be an implicit element only, the tendency to establish "key effective factors" has led to re-conceptualising self-experience as a basic element in behavioural therapy. Looked at methodologically, self-experience has thus become an initial step in conceptualising and evaluating behavioural therapy itself. In the final part of the paper, the author illustrates the role of self-experience in the concrete setting of a training institution.


 

Sabine v. d. Lühe: Begegnung mit deutscher Geschichte in der Gegenwart. Protokoll einer Abschiebung.

Das Protokoll einer Abschiebung wurde verfasst, nachdem nach einer fast acht-monatigen Psychotherapie die Klientin, eine Kurdin, mitten aus einer laufenden Behandlung heraus zusammen mit ihren drei Töchtern in die Türkei abgeschoben wurde. Die Machtlosigkeit, diesen Prozess aufzuhalten, wirft Fragen auf, denen die Autorin auf dem Wege der Selbsterfahrung nachzugehen versucht. Es ist ein Grenzgang zwischen ihrer Rolle als Helferin in einem System, in dem sie sich aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit auf der Täterseite wiederfindet, sich aber als Psychotherapeutin und aufgrund eigener Lebenserfahrungen mit der Seite der Opfer identifiziert.

Sabine v. d. Lühe: Encounter with German history in the present. A record of a deportation.

The author records a deportation of a Kurd to Turkey despite the fact that this woman, mother of three daughters, was in the midst of her psychotherapy. She portrays her own powerlessness to stop this deportation and how it stirs up questions which she tries to answer in a process of self-inquiry. She describes the conflict generated in herself by the sympathy she feels for the deportees, stemming both from her work as a psychotherapist and her own early childhood experiences and by the realisation that she belongs less to the victims than, through her nationality, to the perpetrators.


 

Morus Markard: Selbsterfahrung, Selbstreflexion und Selbstbeobachtung als Aspekte des subjektiven Weltzugangs in der Kritischen Psychologie

Selbsterfahrung, Selbstreflexion und Selbstbeobachtung sind in subjektwissenschaftlichem Forschungskontext als Momente subjektiver und intersubjektiver Selbstverständigung systematisch nicht zu trennen. Die historisch-faktische Koppelung der Entwicklung des Interesses an praktischem Weltbezug (statt am Aufbau des Bewusstseins) mit der methodischen Annullierung von Erfahrung ist nicht zwingend. Die Bedeutung, die in quantitativer Datenergebung Selbsterfahrung hat, steht im Widerspruch zu deren Missachtung. Unter Bezug auf kritisch-psychologische Bestimmungsmomente von Erfahrung wird dazu argumentiert, dass Erfahrung/Selbsterfahrung weder deren nomothetischen Verächtern noch ihren therapeutischen Mystifikatoren überlassen werden darf, sondern kategorial, theoretisch und methodisch rehabilitiert werden muss.

Morus Markard: The critical-psychological understanding of self-experience, self-reflection and self-observation as constituent parts of subjective access to the world

Within the context of subject-science research, self-experience, self-reflection and self-observation are systematically linked as elements of subjective and intersubjective communication and understanding. The author argues that the historical development whereby self-experience was contrasted with research into the practical consequences of behavior is not inevitable and points out that despite self-experience being systematically ignored in theory, in quantitative research it is nevertheless used by precisely those who deny its relevance. Drawing on Critical Psychologys definition of experience, it is argued that experience and/or self-experience must neither be left to those nomothetical critics nor to its therapeutic mystifiers, but need to be re-evaluated in relation to terms, theory and method.


 

Katrin Schöffel: Widerständiges Lernen im Schriftspracherwerb. Darstellung und Reflexion einer problematischen Förderung vor dem Hintergrund des subjektwissenschaftlichen Lernkonzeptes

Der folgende Text verschafft Einblick in eine spannende und zunächst erheblich behinderte Schriftsprachförderung. Er beschreibt die Zusammenarbeit zwischen drei Jungen, die zu Beginn der fünften Klasse so gut wie nicht lesen und schreiben konnten, und ihrer Lehrerin, für die die vorherrschende Problematik massiver Lernwiderstände Auslöser für eine neue Sichtweise von Lernen und Lehren wurde. Gemeinsam gestalteten die vier eine Förderarbeit, in der die kindlichen Widerstände gegen Schriftsprach(erwerb) allmählich aufgelöst und damit die wirklichen (strukturellen) Probleme tendenziell überwunden werden konnten.

Katrin Schöffel: Resistant learning in gaining access to reading and writing

The author gives an insight into remedial lessons for reading and writing, showing how it is an exciting though initially frustrating experience for both learners and teacher. She describes her work with three boys who, at the start of the fifth class, were nearly completely unable to read and write and how she came to understand the boys enormous resistance to learning from their own point of view, thus gaining a new productive insight into the process of teaching and learning. Using this new insight, she was able to work together with the boys to develop a new approach to remedial learning which gradually overcame their resistance and thus the structural obstacles to the learning process.


 

Petra Wagner: "Verdeckte Verhältnisse" Überlegungen zur Seminarpraxis in der Universität

Ausgehend von Unzufriedenheiten mit der universitären Seminarpraxis werden Mechanismen zwischen Studierenden und Dozentin problematisiert, die "verdeckte Verhältnisse" konstituieren, ähnlich denen, die Klaus Holzkamp für die schulische Praxis aufweist. Notizen aus einem Seminar mit StudentInnen der Grundschulpädagogik, wo diese Verhältnisse angesprochen und damit ein Stückweit aufgedeckt werden, verdeutlichen, wie sich trotz anderer Absichten und teilweise wider besseren Wissens der Beteiligten eine Bewertungs- und Belehrungspraxis durchsetzt, die Vertiefungen und Fragestellungen verhindert und als Konsequenz bewältigungsorientiertes Lehren und Lernen nahe legt.

Petra Wagner: "Hidden (power)relations". Some reflections on teaching in seminars at university

The authors starting point is her own dissatisfaction with the standard university teaching practice. She examines those mechanisms existent between lecturer and student which constitute "hidden (power)relations similar to those exposed by Holzkamp in schools. These hidden power relations are discussed on the basis of notes from a seminar with students in elementary school pedagogics, thus partially exposing how despite intentions to the contrary, the usual practice of teaching and learning re-establishes itself. The author illustrates how standard teaching practice hampers interest, reducing learning to a process of merely securing grades, undermining the very resistance its provokes.


 

Wiebke Würflinger: "Heute kommt es nicht darauf an, was man tut, sondern wie man sich dabei fühlt". Selbsterfahrungskonflikte in der Ausbildung zur Telefonberatung

Der Beitrag stellt eigene Erfahrungen mit organisierter Selbsterfahrung während einer Schulung für ehrenamtliche Telefonberater dar. Es werden typische Denkweisen von Selbsterfahrung anhand der Eingangsrunde, der Übung des Familienfotos und der Genogrammarbeit aufgezeigt. Die Selbsterfahrungsübungen imponieren in ihrer permanenten Reproduktion der Unmittelbarkeit und Anschaulichkeit sowie ihrer privatförmigen Auslegung durch die Ausbilder. Die "unanschaulichen" gesellschaftlichen Dimensionen als Hintergrund der spontanen anschaulichen Erfahrungen werden in dieser Form organisierter Selbsterfahrung nicht fassbar. Diese etabliert vielmehr einen Psycho-Diskurs, dessen argumentative Überwindung "vor Ort" nicht mehr möglich ist.

Wiebke Würflinger: Nowadays it doesnt matter what you do but how you feel when you are doing it. Conflicts in self-experience as illustrated by practical training in telephone counseling

This article presents the personal experience during "taught" self-experience as presented in a training for voluntary telephone counselors. The author presents the typical way of thinking using the examples of the "introductory circle", the "family sculptures exercise" and "genogramme work". The exercises in self-experience are striking in the way they blindly reproduce immediacy and pseudo-concreteness and make trainers interpret problems merely on a personal level. It establishes a personalizing discourse that pervades any thinking within such training and cannot be questioned in the limit of such approaches.

 


 

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